Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt steht wieder die Frage im Raum, warum die politische Brandmauer gegen die AfD deren Zuspruch offenbar nicht bremst. Eine rein anreiztheoretische Analyse — ohne Bewertung der Partei selbst — mit einem überraschend direkten Transfer auf den Umgang mit kritischen Stimmen im eigenen Unternehmen.
Sachsen-Anhalt hat gewählt, und wieder steht die immer gleiche Frage im Raum: Warum wächst eine Partei, gegen die sich fast alle anderen so entschieden abgrenzen? Vorweg eine wichtige Einordnung: Es geht um eine rein anreiztheoretische These: Welche Wirkung hat es, wenn eine politische Option dauerhaft von Regierungsverantwortung ausgeschlossen bleibt? Das ist eine ökonomische Argumentation, kein gesicherter empirischer Befund — und sie lässt sich, wie du sehen wirst, überraschend direkt auf den Umgang mit kritischen Stimmen im eigenen Unternehmen übertragen.
Fangen wir bei der Grundlage an: dem einzelnen Wähler in der Kabine. Bereits 1957 hat der Ökonom Anthony Downs das sogenannte Wahlparadox beschrieben: Die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet eine einzelne Stimme unter Millionen ein Wahlergebnis kippt, ist praktisch null. Gemessen am erwarteten Nutzen müsste daher kaum jemand wählen gehen. Trotzdem tun es die meisten. Eine mögliche Erklärung liefert die Theorie des expressiven Wählens von Geoffrey Brennan und Loren Lomasky: Eine Stimme ist danach kein Werkzeug, um ein Ergebnis herbeizuführen, sondern vor allem ein Ausdrucksmittel — wie der Fußballfan im Stadion, der das Spiel nicht beeinflusst, aber trotzdem hingeht, um Zugehörigkeit zu zeigen. Man wählt also auch, um zu zeigen, wer man ist und was man ablehnt. Die Konsequenzen trägt am Ende die Gemeinschaft aller Stimmen — der einzelne Wähler trägt sie zwar mit, aber nicht als direkte Folge der eigenen Stimme.
Der Ökonom Bryan Caplan hat 2007 in seinem Buch "The Myth of the Rational Voter" argumentiert: Weil die eigene Stimme faktisch folgenlos bleibt, ist der persönliche Preis für eine an der Realität vorbeigehende Position an der Wahlurne nahezu null — anders als bei der eigenen Geldanlage oder Jobwahl, wo man mit den Konsequenzen der eigenen Entscheidung leben muss. Caplan nennt das rationale Irrationalität. Seine These ist einflussreich, aber in der Forschung nicht unumstritten.
Überträgt man diesen Gedanken auf die Brandmauer, ergibt sich eine Rolle, die seltener diskutiert wird, als sie es verdient: Steht von vornherein fest, dass eine Partei niemals Regierungsverantwortung übernimmt, trägt der einzelne Wähler nicht nur keine Verantwortung für den Wahlausgang, sondern auch kein Risiko, mit dieser Partei tatsächlich leben zu müssen. Anreiztheoretisch könnte die Brandmauer damit wie eine Versicherung gegen die eigene Wahlentscheidung wirken — sie senkt das wahrgenommene Risiko des Protests erheblich. Und eine günstige Versicherung ist eher eine Einladung zu einem deutlicheren Protest als zur Mäßigung.
Ein Blick nach Belgien zeigt allerdings, wie wenig eindeutig die Empirie hier ist: Dort gilt seit 1989 ein sogenannter cordon sanitaire gegen den Vlaams Blok, die heutige Vlaams Belang — eine Partei, die 2004 gerichtlich wegen Verstoßes gegen das belgische Antirassismusgesetz verurteilt wurde. Sie wuchs bis 2004 deutlich, brach danach bis 2014 stark ein und legt seit 2019 wieder zu. Ein einfacher, gerichteter Zusammenhang zwischen Ausgrenzung und Wachstum lässt sich daraus gerade nicht ableiten — die Wirkung solcher Ausgrenzungsstrategien wird in der politikwissenschaftlichen Forschung kontrovers diskutiert.
Zu dieser ersten These kommt ein zweiter Mechanismus hinzu, der aus der Psychologie stammt: die Reaktanztheorie von Jack Brehm. Sie legt nahe, dass die wahrgenommene Attraktivität einer Option steigen kann, wenn diese demonstrativ als moralisch verboten oder unwählbar erklärt wird — ähnlich wie ein Buch, das plötzlich interessanter wirkt, sobald es verboten wird. Menschen können eine solche Ausgrenzung als Bevormundung und Verlust von Wahlfreiheit empfinden und dann in die entgegengesetzte Richtung reagieren. Die Übertragung dieses Effekts auf das Verhalten gegenüber einer stigmatisierten Partei ist allerdings nicht abschließend belegt. Inszeniert sich eine betroffene Partei zusätzlich selbst als Opfer der "Altparteien", könnte sich dieser mögliche Effekt mit jedem Statement verstärken, das zur Brandmauer abgegeben wird, ohne sich inhaltlich mit den dahinterliegenden Anliegen auseinanderzusetzen.
Das führt zu einem Dilemma, für das es keine bequeme Lösung gibt. Es gibt gute Gründe, warum andere Parteien eine Partei, die vom Bundesamt für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wurde — eine Einstufung, gegen die die Partei juristisch vorgeht —, nicht in Regierungsverantwortung bringen wollen. Das ist nachvollziehbar. Die Frage ist nur, ob die konkrete Ausgestaltung und Kommunikation der Ausgrenzung die gewünschte Wirkung erzielt. Denn ein mögliches Grundproblem bleibt: Eine Partei, die niemals Verantwortung übernehmen muss, wird nie mit der Realität konfrontiert. Sie kann kritisieren und Forderungen stellen, ohne sich je an Haushaltszwängen, Koalitionspartnern oder echten Zuständigkeiten messen zu lassen. Das könnte ein struktureller Vorteil sein: Sie bliebe unbelastet, während sich andere Parteien an der Realität abarbeiten, zwangsläufig Kompromisse eingehen und dabei Wähler enttäuschen.
Auch für die etablierten Parteien selbst ist die Lage vertrackt. Kurzfristig ist die Brandmauer bequem, weil sie die eigene Kernwählerschaft bindet und das Risiko vermeidet, historisch für eine Machtöffnung verantwortlich gemacht zu werden. Das ist für jede einzelne Partei rational, solange auch die anderen mitziehen — ein einseitiges Abrücken wäre für die eigene Stammwählerschaft teuer. Spieltheoretisch ist das kein klassisches Gefangenendilemma, sondern eher eine selbststabilisierende Konvention: Die Strategie ist nur so lange individuell rational, wie alle Beteiligten an ihr festhalten. Genau das macht die Struktur stabil, auch wenn ihre Gesamtwirkung, wie das Beispiel Belgien zeigt, umstritten bleibt.
Wichtig vorweg: Es geht hier ausdrücklich nicht um eine inhaltliche Gleichsetzung von politischen Positionen mit Meinungen im Unternehmen, sondern allein um die Anreizstruktur "Kritik ohne Verantwortung". Diese Struktur begegnet dir vermutlich auch in deinem eigenen Unternehmen, nur in kleinerem Maßstab und unter einer wichtigen Bedingung: Der Mechanismus greift vor allem dann, wenn eine kritische Position im Team tatsächlich stillen Rückhalt in der Belegschaft hat — nicht bei einer isolierten Einzelmeinung ohne jede Resonanz.
Ist diese Bedingung erfüllt, kann sich derjenige, der nie beweisen muss, dass seine Vorschläge in der Praxis tatsächlich funktionieren, dazu verleitet fühlen, nicht die abgewogene, realistisch umsetzbare Position zu äußern, sondern das Signal, das ihm am meisten Gehör verschafft, weil er ohnehin nicht dafür geradestehen muss. Wüsste er dagegen, dass jemand sagt "zeig es doch, wir testen das ein Quartal lang", würde er seine Vorschläge vermutlich deutlich vorsichtiger formulieren.
Führungskräfte machen hier häufig einen Fehler: Sie ersetzen echte Auseinandersetzung durch Ausgrenzung, indem sie eine unbequeme Position kurzerhand als Spinnerei abstempeln. Das ist riskant. Wer eine Sichtweise kategorisch für tabu erklärt, ohne die dahinterliegenden Sorgen ernsthaft zu adressieren, riskiert nach demselben Reaktanzmechanismus, dass diese Position in der Wahrnehmung der Belegschaft an Anziehungskraft gewinnt. Dann wird in der Kaffeeküche und im Flurfunk weiterdiskutiert, und das Thema erhält mehr Raum, als es eigentlich verdient hätte.
Natürlich muss eine Führungskraft klare rote Linien ziehen und bestimmte Werte oder Geschäftspraktiken konsequent verteidigen — das ist legitime Führung, keine Schwäche. Aber diese Abgrenzung sollte niemals gleichzeitig eine Ausgrenzung von Gehör bedeuten. Abweichende Kritik oder Ideen verdienen eine reale Chance, nicht nur gehört, sondern auch in begrenztem Ausmaß an der Wirklichkeit gemessen zu werden. Nur dann entfaltet sich der disziplinierende Mechanismus, der vor Übertreibungen und unrealistischen Versprechen schützt, weil sie an der Realität scheitern und dadurch entlarvt werden. Dieser Mechanismus fehlt, wenn eine Position dauerhaft draußen bleibt, ohne je an einem echten Budget, einer echten Deadline oder einer echten Kundenreaktion gemessen zu werden.
Die praktische Konsequenz für dich als Unternehmer: Gib kritischen Stimmen mit echtem Rückhalt, wo immer vertretbar, einen zeitlich und im Budget klar begrenzten Verantwortungsbereich, in dem sich ihre Vorschläge an messbaren Ergebnissen beweisen müssen — weder komplett blockiert noch mit unbegrenztem Einfluss ausgestattet. Ein Quartal, ein abgegrenztes Budget, eine klare Erfolgsmessung am Ende: Das beendet Grundsatzdebatten oft wirksamer als jedes weitere Meeting darüber und verhindert, dass sich Unzufriedenheit unter der Oberfläche zu einem größeren Konflikt aufstaut. Ergänzend hilft echte Kommunikation statt reiner Abwehr: eine offene Fragerunde zum kritisierten Thema wirkt oft mehr als eine E-Mail, die das Thema abbügelt. Denn eine Position, bei der sich jemand ausgegrenzt fühlt, wächst häufig gerade dann weiter, wenn die Anhängerschaft den Eindruck hat, die eigentliche Botschaft dahinter interessiere niemanden.
Wenn du wissen willst, wie diese Anreizmechanik konkret in deinem Unternehmen wirkt — bei kritischen Stimmen im Team, bei Zielvereinbarungen oder in der Leistungskultur insgesamt —, dann ist ein Anreiz-Audit der richtige erste Schritt. Schreib mir einfach an info@thomasgloekler.com, und wir schauen uns das gemeinsam an.